In den letzten Jahren scheint es kaum ein neues Bürokonzept zu geben, das ohne das Wort „Community" auskommt. Jedes dritte Gebäude hat einen Community Manager, jedes zweite Expose verspricht Community Events und Community-driven Spaces. Irgendwann begann ich, mich ernsthaft zu fragen: Was meinen wir damit eigentlich? Ich bin Miquel van Dongen, CTO von RE-SEARCH, und ich habe mich auf eine kleine persönliche Untersuchung begeben – nicht um Communities pauschal zu loben oder zu verreißen, sondern um ehrlich zu analysieren, ob dieses Konzept für Unternehmer wirklich etwas taugt.
Warum hört man das Wort überall?
Gewerbeflächen waren lange eine sachliche Angelegenheit: Quadratmeter, Lage, Mietpreis, Vertragslaufzeit. Diese Parameter sind nach wie vor entscheidend – doch der Markt hat sich verändert. Hybrides Arbeiten, die Frage nach dem Sinn eines festen Büros und der wachsende Wunsch nach echter Begegnung haben dazu geführt, dass Vermieter und Betreiber ihre Gebäude neu positionieren. Das Büro soll heute nicht mehr nur ein Ort zum Arbeiten sein, sondern ein Ort für Zusammenarbeit, Kultur und – eben – Community. Das ist kein Zufall: Wer Mitarbeitende ins Büro holen möchte, braucht mehr als einen Schreibtisch. Und wer als Vermieter Leerstände vermeiden will, braucht ein überzeugendes Konzept jenseits von Stein und Beton. Ich schreibe das ohne Wertung – es ist eine nachvollziehbare Entwicklung. Die Frage ist nur, ob der Inhalt dem Label gerecht wird.
Was ist eine Community eigentlich?
Bevor ich urteile, versuche ich zu verstehen. Eine Community ist mehr als eine Gruppe von Menschen, die dasselbe Gebäude nutzen. Sie entsteht, wenn Menschen gemeinsame Interessen teilen, sich gegenseitig kennen, Wissen austauschen und füreinander relevant sind. Ein Gebäude mit 200 Mietern ist nicht automatisch eine Community – genauso wenig wie ein vollbesetztes Zugabteil eine Reisegruppe ist. Der Unterschied liegt in der Verbindung. Und genau diese Verbindung lässt sich nicht durch Architektur erzwingen oder durch einen Begrüßungsflyer erzeugen.
Wer sich intensiver damit beschäftigen möchte, wie verschiedene Bürokonzepte und Übergabezustände voneinander abweichen, findet dazu weiterführende Informationen in unserem Artikel zu Büroübergabestandards von Casco bis Full Service.
Wann Community echten Mehrwert schafft
Es wäre unfair, Communities generell als Marketingblase abzustempeln. Für bestimmte Unternehmer und Unternehmenstypen kann eine funktionierende Community einen echten Unterschied machen:
- Starter und Freelancer profitieren oft am meisten. Wer gerade anfängt, hat noch kein etabliertes Netzwerk. Eine zufällige Begegnung in einem gemeinsamen Aufenthaltsbereich kann zu einem ersten Kunden, einem Kooperationspartner oder einem Mentor führen.
- Kleine Unternehmen in Wachstumsphasen können von Wissensdeling und Sparring profitieren, ohne dafür teure Berater engagieren zu müssen.
- Sektorbezogene Communities – etwa für Tech, Kreativwirtschaft oder Nachhaltigkeit – haben einen klaren Vorteil: Die Mitglieder sprechen dieselbe Sprache, verstehen die Herausforderungen des anderen und können sich gegenseitig stärken.
Wer beispielsweise Bürofläche in Rotterdam sucht, findet dort inzwischen eine Reihe von Gebäuden, die gezielt auf bestimmte Branchen ausgerichtet sind – von Hafenlogistik bis Tech. Ob das echte Community-Qualität bedeutet oder nur ein Konzept ist, muss man im Einzelfall prüfen.
Wann Community vor allem ein Marketingwort ist
Hier komme ich zur kritischen Seite meiner Untersuchung. Ich habe Gebäude gesehen, die mit Community werben und dabei folgendes anbieten: einen monatlichen Freitagsdrink, einen Flur mit Lounge-Sesseln und eine WhatsApp-Gruppe, in der gelegentlich jemand einen Schreibtisch sucht. Das ist keine Community. Das ist Gemeinschaftsfläche mit Veranstaltungskalender.
Eine echte Community entsteht nicht durch Eventmanagement, sondern durch echte Verbindung zwischen Menschen. Wenn Mieter einander kaum kennen, wenn die Branchen im Gebäude nichts miteinander zu tun haben und wenn der Community Manager hauptsächlich organisatorische Aufgaben erledigt, dann ist das Wort Community eine leere Verpackung. Ich sage das nicht, um die Bemühungen der Betreiber zu entwerten – aber Unternehmer, die eine Entscheidung über ihren nächsten Bürostandort treffen, sollten kritisch nachfragen, was hinter dem Begriff steckt.
Wenn ich morgen ein Unternehmen gründen würde
Ich stelle mir manchmal die Frage: Würde ich persönlich ein Büro mit Community-Konzept wählen? Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt darauf an. Als jemand, der in der Frühphase eines Unternehmens viel Wert auf Austausch und Netzwerk gelegt hat, hätte ich das Community-Angebot wahrscheinlich begrüßt. Heute – mit einem etablierten Team, klaren Prozessen und einem eigenen Netzwerk – ist mir Fokus, Infrastruktur und eine gute Erreichbarkeit wichtiger als ein gemeinsamer Grillabend auf der Dachterrasse.
Das zeigt: Der Wert einer Community ist nicht absolut, sondern hängt von der Unternehmensphase, der Branche und dem persönlichen Stil des Unternehmers ab. Wer Ruhe und Diskretion braucht, ist in einem belebten Coworking-Hub möglicherweise fehl am Platz. Wer hingegen ein erstes Kundennetzwerk aufbauen möchte, kann von einem gut geführten Unternehmerzentrum erheblich profitieren. Einen nüchternen Vergleich zwischen flexiblen Bürolösungen und klassischen Mietverträgen bietet unser Artikel Flexibles Büro vs. fester Mietvertrag: Die echte Rechnung.
Technologie als Verstärker – aber kein Ersatz
Als CTO interessiert mich natürlich die Frage, was Technologie hier leisten kann. Apps für Mieter, digitale Matchmaking-Plattformen, Wissensdatenbanken und Veranstaltungstools können dabei helfen, Verbindungen sichtbar zu machen und zu erleichtern. Sie können eine Community unterstützen und skalierbar machen – aber sie können sie nicht ersetzen. Technologie senkt die Einstiegshürde für Kontakte, aber ob aus einem Kontakt eine echte Verbindung wird, entscheiden Menschen. Das ist eine wichtige Unterscheidung, die in der Diskussion über digitale Gebäudekonzepte oft vergessen wird.
Ähnliches gilt übrigens für intelligente Gebäudesysteme: Sie können eine Immobilie erheblich aufwerten, aber erst im Zusammenspiel mit den Menschen, die das Gebäude nutzen, entsteht echter Mehrwert.
Was eine gute Immobilien-Community ausmacht
Wer als Unternehmer ein Gebäude mit Community-Versprechen in Betracht zieht, sollte konkrete Fragen stellen:
- Gibt es eine klar definierte Zielgruppe im Gebäude?
- Kennen sich die Mieter tatsächlich untereinander?
- Gibt es regelmäßige, inhaltlich relevante Veranstaltungen – nicht nur Drinks?
- Werden Verbindungen aktiv gefördert, etwa durch Einführungsgespräche oder Matchmaking?
- Welchen Hintergrund hat der Community Manager – ist es jemand mit echtem Netzwerkverständnis?
Wer diese Fragen stellt und konkrete Antworten bekommt, hat gute Chancen, eine funktionierende Community zu finden. Wer vage Antworten erhält, sollte skeptisch sein.
Mein Fazit nach dieser kleinen Untersuchung
Eine Community ist kein Produkt, das sich kaufen oder vermieten lässt. Sie ist etwas, das entsteht – durch Zeit, durch gemeinsame Erfahrungen und durch echtes Interesse aneinander. Für manche Unternehmer ist sie ein echter Wettbewerbsvorteil. Für andere ist ein gut gelegenes, ruhiges Büro mit solider IT-Infrastruktur wertvoller als jedes Community-Event. Beide Perspektiven sind legitim.
Was mich stört, ist nicht das Konzept an sich – sondern die inflationäre Verwendung des Begriffs, die Unternehmer dazu verleitet, Erwartungen zu entwickeln, die nicht eingelöst werden. Bei RE-SEARCH schauen wir deshalb nicht nur auf die Fläche, die Lage und den Preis, sondern auch darauf, was ein Standort wirklich bietet – und was er verspricht, ohne es zu halten. Wer wissen möchte, worauf es bei der Wahl einer Gewerbefläche wirklich ankommt, findet in unserem Leitfaden Wie wählt man die richtige Gewerbefläche? 10 Fragen für jeden Unternehmer eine nüchterne Entscheidungshilfe. Die Zukunft des Büros liegt nicht allein im Gebäude – sie liegt in der Verbindung aus Menschen, Technologie, Standort und Unternehmenskultur. Community kann dabei eine Rolle spielen. Aber nur dann, wenn sie echt ist.






